Ein Plädoyer für intellektuelle Demut und den Diskurs auf Augenhöhe
Wer sich für den Schutz unserer Wildtiere einsetzt, tut dies meist aus einer tiefen ethischen Überzeugung. Kritische Gruppierungen investieren enorme Ressourcen, um die Jagd kritisch zu begleiten. Doch in einer Zeit, in der Meinungen oft schneller geformt werden als Fachwissen, stellt sich eine entscheidende Frage: Basiert dieser Protest auf einem tieferen Verständnis ökologischer Prozesse oder erliegen wir alle – Jäger wie Kritiker – manchmal der Versuchung einfacher Antworten?

„Wahrer Wildtierschutz braucht keine Ideologie, sondern Fachleute. Wir tragen die Verantwortung für unsere Bestände – mit fundiertem Wissen und praktischem Handeln.“
Die historische Lektion: Die Schweiz ohne Wild
Um die heutige Notwendigkeit des Wildtiermanagements zu verstehen, hilft ein Blick in die Archive. Ende des 19. Jahrhunderts bot die Schweizer Natur ein Bild, das sich heutige Betrachter kaum vorstellen können: Die Wälder waren nahezu leergefegt.
Infolge unregulierter Bejagung und massiver Abholzung waren Arten wie der Rothirsch, das Reh und der Steinbock in weiten Teilen der Schweiz ausgerottet oder standen kurz davor. Dass wir heute in einer Zeit leben, in der wir Rekordbestände an Schalenwild verzeichnen und sich sogar Grossraubtiere wieder ansiedeln, ist kein Zufallsprodukt einer „sich selbst überlassenen Natur“. Es ist das Resultat des Eidgenössischen Jagdgesetzes von 1875 (und dessen Revision 1904) sowie jahrzehntelanger, wissenschaftlich begleiteter Hege. Die Jagd war das Werkzeug, das die Bestände nicht nur schützte, sondern ihren Wiederaufbau durch strenge Schonzeiten und Abschussplanungen erst ermöglichte.
Psychologische Fallstricke: Warum die Einordnung ökologischer Realität oft schwerfällt
Warum fällt es manchen Kritikern oft so schwer, diese historische und ökologische Realität anzuerkennen? Die Psychologie bietet hierfür zwei Erklärungsansätze:
- Der Dunning-Kruger-Effekt: In ihrer Studie von 1999 zeigten David Dunning und Justin Kruger, dass Menschen mit geringem Fachwissen in einem komplexen Bereich dazu neigen, ihre eigene Kompetenz zu überschätzen. Ökologie ist eine „wicked science“ – hochkomplex und voller Wechselwirkungen. Wer nur den Moment der Entnahme sieht, aber die Auswirkungen auf die Waldverjüngung oder die Ausbreitung von Zoonosen ausblendet, beurteilt ein komplexes System nach einem Bruchteil seiner Facetten.
- Die Illusion der Erklärungstiefe: (Rozenblit & Keil, 2002). Viele Menschen glauben, sie verstünden, wie ein Ökosystem funktioniert. Doch bittet man sie, die präzisen Mechanismen der Populationsdynamik ohne Prädatoren in einer Kulturlandschaft zu erklären, stösst das Wissen schnell an Grenzen.
Diese psychologischen Effekte sind menschlich, führen jedoch zu Herausforderungen, wenn sie zur alleinigen Grundlage von politischem Aktivismus werden. Sie begünstigen emotionale Narrative gegenüber wissenschaftlichen Notwendigkeiten.

„Ökologie ist hochkomplex. Wer nur den Moment der Entnahme sieht, aber das gesamte Ökosystem ignoriert, beurteilt ein Buch nur nach seinem Einband.“
Die Kulturlandschaft ist kein Urwald
Ein häufiges Argument von Jagdgegnern ist die „Selbstregulation“. Doch die Schweiz ist keine unberührte Wildnis, sondern eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Wo natürliche Wanderkorridore durch Infrastruktur unterbrochen sind und landwirtschaftliche Flächen ein Überangebot an Nahrung bieten, gerät die natürliche Selbstregulation an ihre Grenzen.
Wahrer Wildtierschutz bedeutet heute:
- Prävention von Seuchen: Schutz der Wild- und Nutztiere vor Krankheiten wie der Afrikanischen Schweinepest oder Moderhinke.
- Erhalt der Biodiversität: Schutz des Waldes vor übermässigem Verbiss, um den Lebensraum für hunderte andere Arten (Vögel, Insekten, Amphibien) zu bewahren.
- Wissenschaftliches Monitoring: Datenbasierte Entscheidungen statt rein bauchgesteuerter Verbote.
Ein Appell: Vom Protest zur Expertise
Wir möchten alle Menschen, denen das Wohl unserer Wildtiere am Herzen liegt, dazu einladen, ihre Energie konstruktiv zu kanalisieren. Statt die Jagd durch Konfrontation zu behindern, rufen wir dazu auf, Zeit in das Studium der Wildbiologie und der ökologischen Zusammenhänge zu investieren.
Wahrer Schutz braucht keine Ideologie, sondern Fachkenntnis. Die Geschichte der Schweiz zeigt uns, dass wir die Verantwortung für unsere Bestände nicht einfach abgeben können. Wir tragen sie – durch umsichtiges Management und fundiertes Wissen.
Die Realität im Revier: Ein Dank an die engagierten Akteure
Während in sozialen Medien oft hitzig über Moral gestritten wird, findet der praktische Naturschutz oft im Stillen statt. Es ist an der Zeit, die Fakten zu betrachten, wer in der Schweiz die Hauptlast der praktischen Hege trägt.
Im Gegensatz zu einem Engagement, das sich oft auf punktuellen Protest beschränkt, leisten die Schweizer Jägerinnen und Jäger eine Arbeit, die rund um die Uhr gefordert ist. Sie tun dies meist ehrenamtlich, auf eigene Kosten und mit hohem persönlichen Einsatz.
Naturschutz ist mehr als ein Hashtag. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt: Ein Grossteil der Biodiversitätsförderung in unserer Kulturlandschaft wird von der Jägerschaft aktiv mitgestaltet. Dazu gehören:
- Lebensraumaufwertung: Die Anlage von Hecken, Feuchtbiotopen und Wildäckern.
- Rehkitzrettung: Tausende ehrenamtliche Stunden und der Einsatz moderner Technik zur Vermeidung von Mähtod.
- Fallwildmanagement: Die Bergung von im Verkehr verletzten oder getöteten Tieren zu jeder Tages- und Nachtzeit.

„Naturschutz ist mehr als ein Hashtag. Es ist die stille, tägliche Arbeit derer, die in unserer Kulturlandschaft echte Verantwortung übernehmen.“
Ein fachlicher Widerspruch
Angesichts dieser nachweisbaren Leistungen für das Ökosystem ist das Narrativ mancher Kritiker, die Jägerschaft pauschal als „Feinde des Wildes“ darzustellen, faktisch unzutreffend. Es widerspricht der Realität derjenigen, die als ausgebildete Heger die Verantwortung für gesunde Bestände in einer komplexen Umwelt übernehmen.
ProWildtierschutz sagt Danke
Wir von ProWildtierschutz.ch möchten an dieser Stelle einen klaren Kontrapunkt zur polemischen Kritik setzen. Wir bedanken uns bei den tausenden Jägerinnen und Jägern in der Schweiz. Sie sind es, die den theoretischen Anspruch des Naturschutzes in die praktische Tat umsetzen. Ihre Expertise und ihre Bereitschaft, persönliche Ressourcen einzusetzen, sind das Rückgrat eines funktionierenden ökologischen Managements.
Literatur und Quellen zur Vertiefung:
- Dunning, D., & Kruger, J. (1999): Unskilled and Unaware of It…
- Rozenblit, L., & Keil, F. (2002): The misunderstood limits of folk science…
- Bundesamt für Umwelt (BAFU): Jagdstatistik und historische Berichte.
- Ryser-Degiorgis, M. P. (2013): Wildlife health management: the Swiss experience.



